KI in Agenturen 2026: So wird deine Agentur wirklich KI ready

Sven Wiesner von Neon Gold Innovations und Rolf Hermann bei der Aufnahme des OMR Education Podcasts über KI in Agenturen im Podcaststudio

KI in Agenturen ist 2026 die größte Herausforderung und zugleich die größte Chance der Branche. Die klassische Stundenabrechnung gerät unter Druck, weil Kunden sehen, was mit KI möglich ist. Sven Wiesner, Gründer von Neon Gold Innovations aus Hamburg, erklärt im OMR Education Podcast mit Rolf Hermann, wie Agenturen jetzt umsteuern: Expertise statt Zeit verkaufen, Kulturwandel gestalten und Kundenbeziehungen durch Transparenz stärken.

Warum KI das Geschäftsmodell von Agenturen unter Druck setzt

Das Grundproblem ist schnell beschrieben: KI Tools machen Agenturen schneller, abgerechnet wird aber weiterhin auf Stundenbasis. Wer effizienter arbeitet, kannibalisiert also das eigene Geschäftsmodell. Viele Agenturen verschweigen ihre Zeitersparnis deshalb so lange wie möglich. Das ist eine riskante Strategie, denn Unternehmen sehen längst selbst, was mit ChatGPT, Claude und anderen Plattformen möglich ist, und hinterfragen zunehmend, was die Agentur ihnen in Rechnung stellt.

Der Ausweg ist ein alter Grundsatz, den KI massiv beschleunigt: Verkaufe niemals deine Zeit, sondern deine Expertise. Agenturen, die ihre Wertschöpfung vom Handwerklichen zur Beratung und Strategie verschieben, machen sich unabhängig von der Frage, wie viele Stunden eine Aufgabe dauert.

Das Wettrennen: Unternehmen lernen schneller als Agenturen

Eine der überraschendsten Beobachtungen aus dem Gespräch: Unternehmen bilden sich beim Thema KI aktuell schneller weiter als viele Agenturen. Große Unternehmen sind gewohnt, kontinuierlich in Weiterbildung zu investieren, und buchen KI als Thema einfach mit ein. Auch die Mitarbeitenden fordern das aktiv, weil KI Kompetenz im Lebenslauf den eigenen Marktwert steigert.

Agenturen investieren dagegen traditionell eher in Profit als in Weiterbildung. Wenn ein Pitch ansteht, wird alle Manpower mobilisiert. Geht es um Zukunftsthemen, reicht oft ein interner Pizza Workshop, der keinen nachhaltigen Effekt bringt. Sven Wiesner unterscheidet drei Fraktionen in der deutschen Agenturlandschaft: die Speerspitze, die eigene KI Produkte und Units aufbaut, eine große Mitte, die mit dem Thema hadert und keinen Anfangspunkt findet, und eine dritte Gruppe, die hofft, dass KI wieder vorbeigeht. Letztere wird es am schwersten haben.

Kulturwandel statt Tool Shopping

Die größten Baustellen liegen nicht bei der Frage, welches Tool gekauft wird oder wie viel Lizenzen kosten. KI ready zu werden ist ein Kulturwandel Thema, und dafür sollte sich eine Agentur etwa ein Jahr Zeit nehmen. Ein zentrales Hindernis ist dabei erstaunlich menschlich: Viele Mitarbeitende können schlecht delegieren. Sie tragen riesige Mengen Exklusivwissen mit sich herum, weil sie Aufgaben lieber selbst erledigen, statt sie zu erklären.

Genau diese Fähigkeit ist aber die Grundvoraussetzung für gutes Arbeiten mit KI. Die Faustregel aus dem Podcast: Wenn du einer neuen Person im Team erklären kannst, was sie für dich tun soll, kannst du auch mit KI arbeiten. Es geht nie um den einen perfekten Prompt, sondern um ein Ping Pong mit Zwischenergebnissen, genau wie beim Onboarding eines neuen Teammitglieds.

Ein praktischer Filter für den Einstieg: Lagere an die KI aus, was dich nervt, und behalte, was du am liebsten machst. Bei Lieblingsaufgaben wird dir das KI Ergebnis ohnehin nie gut genug sein.

Mitarbeitende befähigen und Ängste abbauen

Ein Kulturwandel funktioniert nur, wenn die Menschen den Vorteil für sich selbst erkennen. Dazu gehört Sicherheit: Niemand optimiert seine eigenen Workflows mit KI, wenn er fürchtet, sich damit selbst wegzurationalisieren. Führungskräfte müssen das Thema vorausdenken, eine klare Vision vermitteln und glaubwürdig zusichern, dass Effizienzgewinne nicht in Stellenabbau münden.

Dazu kommen banale, aber wirksame strukturelle Hebel:

- Buchungspositionen schaffen: Viele Mitarbeitende bauen keine KI Workflows, weil es im Zeiterfassungstool schlicht keinen Punkt dafür gibt. Eine Position wie KI Weiterbildung oder Workflow Optimierung löst das Problem

- Experimentierrahmen setzen: Jede Idee bekommt zwei Stunden Zeit, sich zu bewähren. Führt sie zu nichts, ist das in Ordnung

- Erfolge honorieren: Wer einen Workflow entwickelt, der dem Team Zeit spart, bekommt eine Bühne und Wertschätzung, ähnlich dem klassischen Vorschlagswesen in der Industrie

Wichtig ist auch die realistische Erwartung: KI schafft keine Freizeit. Die frei gewordene Zeit wird durch neue, oft anspruchsvollere Aufgaben gefüllt. Wer effizienzgetrieben arbeitet, setzt am Ende mehr um.

Die Juniorlücke: Nachwuchs mit KI entwickeln statt einsparen

Weil KI viele einfache Zuarbeiten übernimmt, fehlen klassische Einstiegsaufgaben für Auszubildende, Praktikantinnen und Junioren. Sven Wiesner empfiehlt, diese Entwicklung umzudrehen: Junge Menschen sind die erste Generation, die von Anfang an mit dieser Technologie arbeiten wird. Also sollten sie als erste befähigt werden, sie gut zu bedienen, und die frei gewordene Zeit nutzen, um Erfahrung zu sammeln und entscheidungsfähig zu werden.

Konkret heißt das Koexistenz statt Abkürzung: Wer eine 150 Seiten Präsentation von der KI zusammenfassen lässt, liest sie trotzdem selbst und bewertet das Ergebnis. Nur so entsteht das Kontextwissen, um zu erkennen, wo die KI Fehler macht. Du kannst nicht prompten, was du nicht weißt. Für Agenturen mit Nachwuchsproblemen ist das sogar ein Recruiting Argument: Bei uns machst du nicht die handwerklichen Tätigkeiten, die künftig ohnehin eine KI übernimmt, sondern entwickelst das neue Feld direkt mit.

Tech Stack: Plattform vor Tool Hopping

Wer LinkedIn und YouTube folgt, bekommt den Eindruck, jede Woche ein neues KI Tool testen zu müssen. Das meiste davon ist Hype. Die Empfehlung aus dem Podcast: Zeit in die Basics investieren statt in Tool Hopping. Die Basis ist eine KI Plattform, die zwei Kriterien erfüllt:

- Sie passt zu den Compliance Vorgaben der Agentur und ihrer Kunden. Datenschutz ist in Deutschland das wichtigste Entscheidungskriterium, von der eigenen Infrastruktur über europäisches Hosting bis zur Auftragsverarbeitung mit US Anbietern

- Sie ist Modell offen. Wer sich heute auf die Modelle eines einzigen Anbieters festlegt, geht ein Risiko ein, denn die Qualitätsunterschiede zwischen den Modellen verschieben sich laufend

Auch diese Entscheidung wird nicht in Marmor graviert. Der Markt ist in Bewegung, die Plattformwahl muss regelmäßig neu gechallenged werden.

Bessere Ergebnisse: Kontext, Braindump und Chain of Thought

Generische KI Ergebnisse entstehen durch generische Briefings. Wer mit einem OnePager briefet, bekommt austauschbare Antworten, die bei jedem Wettbewerber genauso aussehen. Der Schlüssel zu einzigartigen Ergebnissen liegt in der Arbeitsweise:

- So viel Kontext wie möglich reingeben, etwa komplette Pitch Präsentationen mit Zielgruppenbeschreibung statt einem Absatz Briefing

- Die Diktierfunktion nutzen: Ein gesprochener Braindump von 10 bis 30 Minuten transportiert mehr Kontextwissen als jeder getippte Prompt

- Die Aufgabe nach der Chain of Thought Methode in Teilschritte zerlegen und Zwischenergebnisse einfordern, wie Schulterblicke in der Zusammenarbeit mit Menschen

- Die KI aktiv auffordern, kritisch zu challengen, dann wird sie vom generischen Tippgeber zum Sparringspartner

Mit einem einzigen Prompt ist eigentlich nichts gelöst. Gute KI Arbeit ist ein iterativer Prozess, human in the loop.

Kundenbeziehungen stärken durch Transparenz

Der wohl wichtigste strategische Rat aus dem Gespräch: den Spieß umdrehen. Statt die eigene KI Nutzung vor Kunden zu verheimlichen, sollten Agenturen sie transparent machen und aktiv vorantreiben. Das konkrete Angebot an den Kunden lautet: Für Aufgaben, die wir bisher mit fünf Stunden abgerechnet haben, rechnen wir künftig eine Stunde ab. Lass uns gemeinsam entwickeln, was wir mit den übrigen vier Stunden auf die Beine stellen.

Das stärkt das Vertrauen und positioniert die Agentur als innovativen Partner, mit dem der Kunde gemeinsam lernen kann. In wirtschaftlich angespannten Zeiten ist es zudem ein Argument, Etats zu halten: weniger Stunden, aber weiterhin volle Wirkung. Wichtig ist die Grenze: Automatisiert wird nie an der Stelle, wo der direkte Austausch mit dem Kunden stattfindet. Die frei gewordene Zeit gehört in mehr Nähe zum Kunden, nicht in weniger.

Und die Benchmark verschiebt sich schnell: Wer einmal 15 Minuten nach dem Meeting eine saubere Follow up Mail bekommen hat, erwartet das künftig von jedem Dienstleister.

Roadmap: So startest du jetzt

Die Einfach mal machen Checkliste aus dem Podcast für Agenturinhaber und Führungskräfte:

- Erst sacken lassen und die eigene Sicht prüfen, statt panisch alles auf KI umzustellen

- Ins Zeiterfassungstool schauen: Wo entstehen hohe Aufwände, wo liegt KI Potenzial

- Eine KI Strategie entwickeln: Compliance Anforderungen, bestehende Plattformen, Ziele der Geschäftsführung und Fachbereiche erfassen

- Mitarbeitende früh einbeziehen, Anwendungsfälle pro Fachbereich über Umfragen erheben

- Pro Fachbereich vier bis fünf konkrete Anwendungsfälle trainieren, mit vorbereiteten Prompts und Assistenten auf Basis echter Arbeitsdaten

- Nach zwei Wochen analysieren, was funktioniert hat, und skalieren

- Einen monatlichen Austausch etablieren: Wer macht was mit KI, welche Cases sparen Zeit oder machen die Arbeit besser

Der Weg ist lang, aber je früher eine Agentur ihn beginnt, desto größer ist der Vorsprung. Die komplette Folge mit Sven Wiesner und Rolf Hermann gibt es im OMR Education Podcast.

FAQ

Was bedeutet KI ready für eine Agentur?

KI ready bedeutet, dass eine Agentur KI strategisch in Geschäftsmodell, Prozesse und Kultur integriert hat. Dazu gehören eine datenschutzkonforme, Modell offene KI Plattform, befähigte Mitarbeitende, definierte Anwendungsfälle pro Fachbereich und ein Geschäftsmodell, das Expertise statt Stunden verkauft.

Warum gefährdet KI die Stundenabrechnung von Agenturen?

KI macht viele Agenturleistungen deutlich schneller, während die Abrechnung weiter auf Zeitbasis läuft. Kunden erkennen zunehmend selbst, was mit KI in Minuten möglich ist, und hinterfragen Stundenaufwände. Agenturen lösen das, indem sie Effizienzgewinne transparent machen und die frei gewordene Zeit in Beratung und neue Leistungen verschieben.

Wie macht man Mitarbeitende in einer Agentur fit für KI?

Mitarbeitende werden fit für KI durch konkrete Anwendungsfälle aus ihrem Arbeitsalltag, nicht durch generische Tool Schulungen. Bewährt haben sich vorbereitete Prompts und Assistenten auf Basis echter Arbeitsdaten, buchbare Zeit für Workflow Optimierung, ein Experimentierrahmen von etwa zwei Stunden pro Idee und sichtbare Wertschätzung für geteilte Workflows.

Welche KI Plattform sollte eine Agentur 2026 wählen?

Eine Agentur sollte 2026 eine KI Plattform wählen, die den Datenschutzanforderungen der eigenen Kunden entspricht und mehrere KI Modelle unterstützt. Die Bindung an einen einzigen Modellanbieter ist riskant, weil sich die Qualität der Modelle laufend verschiebt. Funktionsumfang wie Projekte und Automatisierung entscheidet danach.

Wann sollten Agenturen ihre KI Nutzung Kunden gegenüber offenlegen?

Agenturen sollten ihre KI Nutzung von Anfang an offenlegen, statt Effizienzgewinne zu verheimlichen. Transparenz stärkt das Vertrauen, positioniert die Agentur als innovativen Partner und eröffnet die Chance, frei gewordene Budgets gemeinsam mit dem Kunden in Strategie und neue Projekte zu investieren.

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